Magdeburg – unterschätzte Landeshauptstadt

6. September 2021
Liegestühle im Sand an der Elbe

Strandbar am Elbeufer

Ein gemalter Buntspecht in einem Mauerloch, Bezug zu den Mauerspechten an der innerdeutschen Grenze

Berliner Mauer mit Mauerspecht, M.L.

Ankommen

Die Hauptstadt Sachsen-Anhalts, Ostdeutschland, Einfluss der Sowjetunion, Ottostadt… dies sind meine Eindrücke, als ich den Magdeburger Hauptbahnhof zum ersten Mal verlasse.
Prunkvolle Bauten schmücken die Straßen, die man von dort aus fußläufig erreicht, Überreste der DDR. Kein Vergleich zu den mir bekannten „Altbauten“, die vielleicht 3 Etagen hoch und heute noch in den kleinen, eher hippen Vierteln mir bekannter westdeutscher Großstädte zu finden sind. Hier ist es nun ganz anders: die mächtigen, sehr schönen Bauten versprühen einen anderen Charme, sie machen große Straßen zu noch größeren Straßen, sie machen Eindruck, sozialistischer Klassizismus auf dem Silbertablett.

 

Wohnhaus mit glatter Betonfassade, Spiegelwand davor. Darin die Türme des Domes

Fassade mit Domtürmen

Wohnhausfassade mit vorschwingenden Balkonen

Modernes Bauen 90er Jahre

Stadt im Wandel

Kleine Säulen in verschiedenen Etagen im Innenraum des Domes

Domchor von innen

Die Stadt hat sich verändert. Der breite Weg, heute zur Hälfte eine klassische Ostdeutsche Fußgängerzone (Bahnschienen in der Mitte, breite Wege, flache Gebäude, in denen Geschäfte angesiedelt sind, dahinter Plattenbauten), sah früher ganz anders aus. Ein grausamer Bombenangriff am 16.01.1945, der als einer der verheerendsten Luftangriffe auf eine deutsche Stadt im 2. Weltkrieg gilt, zerstörte 60% der Stadt, die Innenstadt lag nahezu komplett in Trümmern. Nur wenige Ecken und Straßenzüge lassen heute noch vermuten, wie die Stadt früher ausgesehen haben könnte.

Dom Innenraum, Lichtstrahlen in den Fenstern, viele kleine Säulen

Magdeburger Dom, Blick nach Osten

 

Kloster Unserer Lieben Frauen

Das Kloster Unser lieben Frauen wird heute als Museum genutzt, hier finden auch Wanderausstellungen ihren Platz. Die Ausstellung Ostdeutsche Landschaften (Sven Johne) ist hier zur Zeit zu finden. Faszinierend sein Hinterherreisen eines Zirkus. Eine Reihe von Bildern voller leerer Plätze, auf denen zuvor der Zirkus gastierte. Man sieht plattgetretenen Rasen, Einsamkeit, Tristess. Später sind wir uns uneinig: Ist es unheimlich kunstvoll und bewegend, wie der Künstler einfängt, was die Faszination Zirkus zurücklässt? Die Vorstellung bleibt uns überlassen; über diese Plätze sind vor Stunden oder Tagen Löwen gewandelt, Clowns gestolpert und lachende Kinder gerannt. Oder ist es traurig, die ostdeutschen Landschaften, auf diese Weise zu porträtieren, wo doch der Flyer der Ausstellung eine ästhetische Reise andeutet?

Was denken Sie? Was würden Sie erwarten, was würden solche Bilder mit Ihnen machen?

 

 

 

 

 

Grüne Zitadelle

Grüne Zitadelle

Die grüne Zitadelle ist ein Werk von Hundertwasser. Eine grüne Oase mitten in der Stadt, so fröhlich, überraschend, immer wieder anders. Bäume wachsen aus Fenstern, jedes Fenster sieht anders aus. Kann so die Zukunft aussehen? Dachbegrünung ist heute immer öfter ein Thema, hat Hundertwasser unsere Zukunft gesehen? Kann man auf diese Weise Städte neu gestalten? Und wie kann es sein, dass solch wunderschöne Häuser nicht viel ansteckender sind? Waren Sie schon mal in einem Gebäude, entworfen von Friedensreich Hundertwasser?

 

Was ging Ihnen dabei durch den Kopf?

 

Grüne Zitadelle, Friedensreich Hundertwasser

Es gibt noch so viel mehr zu entdecken, sei es der kleine Kerl im Dom, der einen Dorn aus dem Fuß eines Erzbischofs zieht, sei es das größte Wasserstraßenkreuz Europas; es lohnt sich!

 

Otto-von-Gericke-Universität

Jeder war schon da – kaum einer kennt diesen Platz – Ma‘alot

Vom Dom zum Rhein erstreckt sich in Köln ein langer Weg über viele Stufen hinunter. Unter der großen Platzfläche befindet sich im Keller der Konzertsaal der Philharmonie. Hier wird international musiziert, es werden Wettbewerbe für Musiker und Dirigenten ausgetragen. Dann darf der Platz nicht betreten werden: die Wachleute sind gut zu sehen.

Dieser Platz ist der künstlerisch eindrucksvollste Platz in Köln, er ist ein begehbares Kunstwerk des Künstlers Dani Karavan. Seine Kunstwerke finden sich in vielen bedeutenden Städten weltweit. Ausgewählte Materialien, wie Eisen, Granit, Backstein und Bäume wurden durch die künstlerische Gestaltung von Dani Karavan 1986 zu einem besonderen Platz gemacht, an dem Menschen sich gerne aufhalten sollen. Es ist ihm gelungen, die Geschichte an diesem Ort zu berühren.

Platz der Freude im Herzen von Köln

Ja klar und keine Ahnung – das sind die Antworten auf die Fragen:

Kennst du diesen Platz mit den Treppen zwischen Dom und Rhein?
Kennst und bemerkst du die Bedeutung dieses Platzes?

Wie soll ich beginnen? Ich kann über den Künstler erzählen, Dani Karavan, der diesen Ort entwickelt hat. Ich glaube, es würde ihn nicht freuen – ich werde es dennoch tun, aber später. Ich kann den Ort beschreiben, so wie man ein Kunstwerk, vielleicht eine Skulptur, beschreiben würde. Auch das ist nicht passend. Wie soll es also beginnen, wo es doch eigentlich so einfach ist. Zugegeben, es ist auch ungewohnt für uns.

Platz der Freude im Herzen der Stadt

Ich beginne mit einer Einladung zu einem Spaziergang vom Rheinufer langsam hinauf zum Dom. Man kann die Stufen steigen, es bietet sich auch mal ein Weg über die Schräge unter den Bäumen an. Die große runde Platzfläche vor dem Museum kann man auch begehen, dann weiter durch die Passage zwischen den Museumsbauten auf den Chor des Kölner Domes zu.

Gedanken während des Gehens

Wir bemerken viel: Menschen aus aller Welt, alte und junge, wir hören viele Sprachen, sehen einen Boden aus Backsteinen, Granitplatten und Stahlelementen. Auch der sechsteilige Stufenturm ist uns nicht entgangen.

Köln ist ein Ort, den Menschen seit mehr als 2000 Jahren besuchen, an dem sie leben, wo sie Handel treiben. Köln ist eine Stadt, in die Menschen kommen – seit über 1000 Jahren – , weil sie mit Gebeten und Bitten unterwegs sind, sie pilgern. Viele kamen und kommen  vom Rhein hinauf in die Stadt, hinauf zum Heiligtum, hinauf zur Kathedrale. Die dunklen und schmerzhaften Seiten der Geschichte sind hier auch spürbar, gegenüber von Deutz aus, wurden so viele Menschen deportiert.

Ma’alot – Ein Aufstiegsgesang

Kann ein Ort einen Widerhall hervorrufen? Kann er Gedankenverbindungen wachrufen? Lassen wir uns an diesem Ort von Assoziationen in verschiedene Richtungen tragen? Dani Karavan hat diesen öffentlichen Auftrag als ersten in Deutschland angenommen (1980-86). Durch die Architekten Busmann und Haberer wurde Karavan angesprochen. Seine Zustimmung, diesen Ort als Herausforderung anzunehmen, war für Köln ein großes Glück. Es war eine Ehre, dass Karavan in Deutschland gearbeitet hat.

Dani Karavan

Er hat seine Kindheit in Tel Aviv verbracht. Er wird groß zwischen Wüste, Sand und Meer. Schon der Beruf seines Vaters hat mit  Landschaftsgestaltung zu tun. Dani erlebt eine Kindheit zwischen jüdischen und arabischen Kindern in Frieden und ein Land im Aufbruch. Er studiert Kunst in Israel, geht nach Florenz, lernt Freskotechniken kennen und befasst sich mit den italienischen Stadträumen der Toskana.  Er arbeitet mit unterschiedlichen Materialien an vielen Orten. Es zeigt sich immer mehr, dass er für einen bestimmten Ort Arbeiten entwickelt. Sie gehören nur an diesen Ort.

Regensburg

Ein Beispiel sind die kleinen Mauern in der Regensburger Innenstadt: er hat sie genau über den ausgegrabenen Resten der zerstörten Synagoge angelegt. Heute sind die Mauern Sitzplätze für Menschen, die Pause machen, die Kinder beim Spielen und Hüpfen beobachten.

Was passiert dort? Es ist der Ort des Glaubens der jüdischen Gemeinde, es ist auch der Ort größter Verachtung und Vernichtung, es ist ein Ort des Vergessens, der einfach überbaut wurde. Und jetzt – Karavan hat einen Ort entwickelt, der Menschen miteinander ins Gespräch und ins Spiel bringen kann.

Aufstiegsgesang

Wenn wir miteinander in Kontakt stehen und die anderen sehen und kennenlernen, können wir in Frieden und im Respekt miteinander leben.

Das ist eine wichtige Botschaft aus den Arbeiten Karavans. Auch in Köln ist es ein Platz der Begegnung. Der Aufstiegsgesang ist den Psalmen entnommen (122), die das Volk Israel am Fuße des Tempelberges in Jerusalem gesungen hat. Hier in Köln kommen Pilger aus der Welt an den Fuß des Domhügels.

Es lohnt ein erneuter Weg von unten nach oben über die Stufen. Backsteine unter unseren Füßen, bei großer Hitze gebrannte Erde, die Steine in Rhythmen verlegt. Dazwischen Raum für das Leben der Moose und Flechten. Die Eisenplatten und auch die Eisenbahnschiene aus Eisen; Eisen, das rotglühend in von Menschen gefertigte Formen fließt. Die Zahl 6 ist für Karavan bedeutend, ebenso die 1,80 m, das Maß des Menschen. Die Schiene in Richtung Deutz sagt auch: vergesst die dunkle Geschichte nicht und das Gedenken der ermordeten Menschen. Hier führt der Weg unter Akazien und Ahornbäumen vorbei.

Ma’alot ist der Name für diesen Ort in Köln, hier kann man die Schritte verlangsamen und sich verbunden fühlen mit den Menschen im Laufe der Jahrhunderte.

Dani Karavan hat an vielen Orten auf dieser Welt Arbeiten entwickelt. Er ist in diesem Jahr im Alter von 90 Jahren verstorben. Versöhnung zwischen Menschen zu unterstützen war ihm wichtig.

Haben Orte ein Gedächtnis, können wir gelebte Geschichte an Orten erfahren? Sind sogenannte soziale Skulpturen oder Environments ein Beitrag dazu?

 

Pause machen

Ich habe schon mit vielen Menschen an diesem Ort gestanden, verschiedene Perspektiven entdeckt und Gespräche geführt. Viele verschiedene Gedanken und Assoziationen tauchen auf. Mein Tipp:  stehen bleiben, schauen, sich umdrehen und einmal in aller Ruhe vom Rhein die Stufen hinaufgehen.

Kölner Dom – neue Perspektiven

31. August 2021

Fernblick über Köln und den Rhein

Unbeschreiblich ist der Blick in die Ferne!

Ich stehe auf einem kleinen Turm auf dem Dach des Kölner Domes und der Blick schweift über den Rhein zum Siebengebirge, ins Bergische Land bis Bensberg und nach Düsseldorf. Die Stadt Köln liegt ausgebreitet zu Füßen, überraschend, wie viele Dachgärten und Hinterhöfe es gibt. Dieser Blick ist der krönende Abschluss einer Zeitreise durch Dom- und Baustellengeschichten. Nachdenkliches, Überraschendes, Bekanntes und Neues konnten meine Gäste und ich auf dem Weg nach oben hören und sehen.

Wie kann man diesen kleinen Turm erreichen?

Wir beginnen unten auf dem Platz rund um den Kölner Dom. Ja, alle haben schon mal zu den Türmen hinaufgeschaut. Ja, sie sind sehr groß und unglaublich hoch. Sie haben auch schon mal die Steinfugen mit den Augen gesucht? Sie haben schon mal Steinreihen gezählt? Sie haben kleine Balkone ausgemacht und vielleicht einmal Menschen – winzig klein – dort oben entdeckt? Sofort merkt man, dass dieser genaue Blick auf den Kölner Dom, auf das Gebäude, uns nicht so vertraut ist.

Man kann weiter überlegen. Ein Bauarbeiter auf der Baustelle vor 140 Jahren: wo könnte er gestanden haben? Wie sah sein Arbeitsalltag aus? Was verdiente er, welche Arbeitszeiten musste er ableisten? Oder andere, erstaunliche Gedanken:  Alles ohne PC? Die Menschen haben sich alles, was wichtig war, gemerkt?

 

 

Hat der Dom, diese Kirche heute noch etwas mit uns zu tun?

Der Weg führt über viele Stufen – oder auch mal mit dem Aufzug – langsam nach oben. Die Perspektiven verändern sich mit jedem Schritt. Ich helfe, den Blick auf bestimmte Dinge zu richten. Wir beobachten und erkennen Zusammenhänge: Kleine Türme erfüllen wichtige Aufgaben, Steinbrücken nehmen Lasten auf. Gewölbe wurden aus vielen Steinen gemauert, Gerüste wurden vor Jahrhunderten aus vielen Hölzern errichtet und strahlen heute silbrig in der Sonne aus Leichtmetall. Im Innenraum des Kölner Domes erleben wir etwas, was in unserem Alltag seltener geworden ist: wir staunen mit Begeisterung und voll Bewunderung. Was für ein Licht! Wie geheimnisvoll! Die Helligkeit des Tages verwandelt sich in farbiges Licht, sobald sie durch die großen Glaswände in den Dom kommt. Glaskunst, bunte Glasfenster, alte Techniken, moderne Werkstätten, Bilder auf Fenstern, die Geschichte lebendig werden lassen. Hier könnte man schon länger bleiben.

 

 

 

Warum ist dieser Dom in Köln gebaut worden?
Was haben sich die Menschen erhofft und gedacht? Immer wieder entstehen neue Fragen, sobald man sich etwas mehr mit diesem Ort befasst. Der Dom hat mit uns zu tun, auch heute noch.

 

Starten Sie mit Ihren Freunden und Bekannten hinauf auf den Dom.

Es ist leicht: Termin überlegen, suchen, buchen und hinauf geht es. Ich persönlich nehme aus jeder Führung neue Gedanken mit, und freue mich immer, den kleinen Turm ganz oben auf dem Dach des Domes zu erreichen. Beim nächsten Mal gemeinsam mit Ihnen.

Oder verschenken Sie mal einen solchen Besuch. Nutzen Sie ihn als Teamausflug oder ich integriere ihn für Sie in ein Teamcoaching. Das gemeinsame Erleben verbindet!

Teilen Sie diesen Beitrag direkt mit Freunden und der gemeinsame Plan steht.

Worpswede – Künstlerdorf im Teufelsmoor

30. August 2021

Günnemoor, Mira Awad

Künstlerort Einführung

Barkenhoff, Nicole Kanning

In der Nähe von Bremen, im wunderschönen Naturschutzgebiet des Teufelsmoores, liegt der Ort Worpswede. Ich bin sehr gerne in diesem kleinen Ort unterwegs, alleine und auch mit anderen Menschen. Zwischen alten Kiefern auf einem leicht hügeligen und sandigen Gelände entdecke ich viele verschiedene Häuser. Es gibt ein Ensemble von Backsteingebäuden, ein Café, eine kleine Kunsthalle und die sogenannte Käseglocke. In einem wunderschönen Gartengelände liegt ein großes weiß verputztes Wohnhaus, der Barkenhoff.

Wie Ihr Besuch zu einem Erlebnis werden kann, erzähle ich Ihnen! Folgen Sie mir zu den Anfängen dieses Künstlerdorfs.

Wählen Sie eine schöne Unterkunft, vielleicht das zauberhafte Hotel Buchenhof oder eine Ferienwohnung im reetgedeckten Haus im Schluh an einem kleinen See. Ein erster Spaziergang führt entlang der Straßen am Ortsrand. Die Birken lassen ihre leichten Zweige und Blätter vom Wind bewegen, die Sonne bringt die markante Rinde zum Leuchten. Hell und Dunkel, Licht und Schatten spielen auf der Oberfläche. Die weiten Torfflächen, die feuchte Luft lassen uns durchatmen und aufblühen.

 

Hotel Buchenhof, M.L.

Hotel Buchenhof, M.L.

Ich erzähle Ihnen etwas zur Geschichte dieses Ortes während Sie den Kirchturm in den Blick nehmen und zur Kirche hinaufgehen. Hier hängt ein großes auf LKW-Plane gedrucktes Bild. Das Bild heißt „Gottesdienst im Freien“. Vor 130 Jahren beobachtet ein junger Mann, Fritz Mackenson, sehr genau die Menschen, die in Worpswede arbeiten, leben und zum Gottesdienst ihre Sonntagskleider angezogen haben. Fritz Mackenson, der Mimi Stolte aus Worpswede in Düsseldorf kennengelernt hat, besucht sie. Er ist Maler und fertigt viele Skizzen. Aus diesen Skizzen entsteht über viele Jahre dieses Bild. Es wird 1895 ausgezeichnet und macht den Ort über Nacht bekannt.

 

 

Torfkähne, Nicole Kanning

Geschichte der Anfänge

Worpswede wird Künstlerdorf. Eine kleine Geschichte der Anfänge. Eine kleine Geschichte der Kunst.

Teufelsmoor, M.L.

 

Was lockt uns dorthin? Es ist die wunderbare Landschaft die uns empfängt, geprägt vom Moor und den Bäumen, die den feuchten Boden der weiten Ebene lieben; Birken, Buchen und Erlen. Vor etwa 140 Jahren begann die besondere Geschichte dieses ganz normalen Dorfes, in dem Torfbauern ihren Lebensunterhalt hart erarbeiteten. Junge Kunststudenten der Düsseldorfer Kunstakademie kamen im Sommer in den Norden. Sie hatten Bekanntschaften geschlossen und kamen jetzt zu Besuch, auch in das Dorf Worpswede.

Schaurig im Moor, M.L.

In dieser Zeit, im 19. Jahrhundert, bedeutete Malerei und Kunst zu studieren, Porträts zu malen, historische Ereignisse festzuhalten oder auch Stillleben zu entwerfen. Eine Landschaft auf die Leinwand zu malen „ohne weiteren Inhalt“ war ungewöhnlich, ja unmöcglich. Landschaft war nicht als „bildwürdig“ anerkannt. Landschaft nur als Hintergrund eines Bildes entstand im Atelier. Ein Spaziergang mit Skizzenblock und Farben in der unmittelbaren Umgebung blieb die Ausnahme. Gleichzeitig wuchs das Bedürfnis, in der Natur zu arbeiten und dem Leben in den zunehmend lauter und unruhiger werdenden Städten andere Erfahrungen hinzuzufügen. Schon in der Nähe von Paris begannen Künstler im Wald zu arbeiten, im Wald von Fontainebleau. Es wurden kleine Zimmer angemietet, die Bauern hatten ein kleines Zubrot, man schmunzelte über die „Künstlergestalten“ und lebte miteinander und nebeneinander. Es entstanden gegen Ende des Jahrhunderts überall in Europa Künstlerkolonien, es waren in Deutschland und den Niederlanden, Dänemark und Frankreich weit über 50. Die Entwicklung in den Orten verlief unterschiedlich. Oft waren es ein paar Jahre, in denen man miteinander arbeitete, feierte, ausstellte. Dann verließen die Malerinnen und Maler wieder die Gegend. An anderen Orten, zum Beispiel im Voralpenland, in Murnau, arbeiteten Künstler miteinander, die intensiv um künstlerische Fragen gemeinsam gerungen haben. Sie entwickelten ein programmatisches Buch, den Blauen Reiter und wirkten in einer kurzen Zeit als Gruppe miteinander.
Diese Entwicklungen spiegeln auch die Auseinandersetzungen zwischen dem Akademismus und der freier denkenden Künstlerschaft wider. Die Wahl der Orte war nicht von neuen Bahnstrecken und guter Erreichbarkeit bestimmt.

 

Worpsweder Bahnhof, Nicole Kanning

Worpswede ist ein Beispiel eines solchen Ortes, der bis heute immer wieder Künstlerinnen und Künstlern Raum bietet, dort zu arbeiten. Es hat sich ein umfangreiches Ausstellungswesen entwickelt. Seit 2010 bilden die regional ausgeschriebenen Niedersachsen-Stipendien für bildende Kunst, Klangkunst/Komposition und Literatur in den fünf „Martin Kausche-Ateliers“ den Grundstock für eine neue Konzeption. Zusätzlich vergeben die Künstlerhäuser Worpswede e.V. reine Wohnstipendien an Künstler aller Sparten. KünstlerInnen bekommen Ateliers kostenlos gestellt. Seit 2012 sind neben den Landestipendiaten ausgewählte Künstler zu Gast. Workshops und Symposien bringen die individuellen Ideen in einen Austausch.

 

Käseglocke, Nicole Kanning

Künstlerinnen und Künstler

Ich stelle Ihnen kurz die jungen Frauen und Männer vor, die zur sogenannten ersten Generation gehören. Sehr leicht können Sie weitere Informationen, Bilder zu Wohnorten oder Werken und vieles mehr über meine angefügten Links entdecken.

Fritz Mackensen (* 8. April 1866 † 12. Mai 1953 in Worpswede)

ist der erste Maler in Worpswede. Er kommt als junger Mann aus dem Weserbergland, studiert an der Düsseldorfer Kunstakademie und lernt die junge Frau Mimi Stolte kennen. Sie lädt ihn nach Hause ein. Er reist mit ihr ins Moor nach Worpswede (1885) und ist Gast der Familie Stolte. Er kommt gerne und regelmäßig im Sommer wieder, auch zum Malen. Otto Modersohn, sein Studienfreund, folgt ihm. 1889 kehren beide auch in der Winterzeit nicht mehr nach Düsseldorf zurück. Sie bleiben in Worpswede. Sie erleben die Menschen ihrer Umgebung, wie sie hart im Moor arbeiten. Die jungen Männer sammeln viele neue Eindrücke und setzen sich künstlerisch damit auseinander. Mackensens großes Gemälde „Gottesdienst im Freien“ wird 1895 ausgezeichnet, Worpswede wird bekannt. Später arbeitet Mackensen als Professor und Direktor der Kunstakademien in Weimar und Bremen.

 

Gottesdienst im Freien, M.L.

Otto Modersohn (* 22. Februar 1865 in Soest, † 10. März 1943 in Rotenburg (Wümme))

studiert in Düsseldorf und ab 1888 in Karlsruhe. Mit Fritz Mackensen ist er 1889 erstmals in Worpswede, er bleibt und lernt Helene Schröder kennen. Sie heiraten, erleben das Glück einer kleinen Familie und bald darauf den Schmerz des Verlustes. Otto verliert seine junge Frau im Kindbett. Otto geht von Worpswede fort. Er kommt zurück. Er lernt Paula Becker kennen, schätzen und lieben. Er spürt, wie außergewöhnlich ihre künstlerische Sprache ist. Sie freuen sich auf ihr Kind, Paula stirbt im Kindbett 1907. Otto verlässt Worpswede. Im Nachbarort Fischerhude lebt er mit seinen Kindern und seiner Frau Louise Breling. Zwei Söhne werden geboren.

 

Grab von Paula, M.L.

Paula Modersohn-Becker (* 8. Februar 1876, Dresden; † 20. November 1907, Worpswede)

Ihre Schriften laden ein, einer sehr jungen Frau zu begegnen, die mit großer Klarheit ihren künstlerischen Weg sucht und geht. Ihre Besuche in Paris, die Begegnung mit Bildern von Cezanne, van Gogh, den Impressionisten, ihre Suche nach einer guten Ausbildung, die Frauen nicht selbstverständlich möglich war, spiegeln das wider. Sie arbeitet in Worpswede in ihrem kleinen Atelier und wendet sich Kindern und alten Menschen zu. Ihre Bilder ermöglichen heute nach über 100 Jahren intensive Begegnungen. Ohne ihre eigene innere künstlerische Sicherheit, wäre ihr Erbe für die Welt wohl nicht so entstanden. Die Öffentlichkeit hat sie nicht wahrgenommen, nicht geachtet. Nur ihr Mann, Otto Modersohn, hat ihre Größe gesehen. Als Mutter ihrer kleinen Tochter Tille stirbt sie mit 31 Jahren nach der Geburt.

 

Wohnhaus von Paula und Otto, M.L.

Hans am Ende (* 31. Dezember 1864, Trier; † 9. Juli 1918 Stettin)

studiert an der Münchener Kunstakademie und arbeitet in einer anderen Kompositionsweise und Farbigkeit. Er begleitet Otto Modersohn 1889 nach Worpswede. Er liebt es Gesichter zu malen, er ist Porträtist. Er liebt auch die Natur und die Landschaft und stellt sich den Herausforderungen „die Natur auf die Leinwand“ zu bringen. Freiwillig zieht er in den ersten Weltkrieg, dort wird er verwundet. Die Verletzungen heilen nicht, 1918 stirbt er.

 

Fritz Overbeck (* 15. September 1869, Bremen, † 7. Juni 1909)

studiert auch in Düsseldorf und erfährt von diesem besonderen Ort im Teufelsmoor. 1892 kommt er zum ersten Mal mit nach Worpswede nach Abschluss seines Studiums. Zwei Jahre später fasst auch er den Entschluss zu bleiben. Seine Frau Hermine muss viele Kuraufenthalte erleben, er begleitet sie, so gut er kann. Er starb schon 1909.

 

Vogelers Barkenhoff, M.L.

Heinrich Vogeler (* 12. Dezember 1872, Bremen; † 14. Juni 1942 Kasachstan)

kommt ebenfalls nach Abschluss seines Studiums in Düsseldorf nach Worpswede. Als Grafiker, Designer, Architekt und Maler hat er ein Talent in vielen Bereichen und ist ein gefragter Künstler. Ein kleines Buch der Insel-Bücherei wird mit seinen Bildern illustriert. Sein Lebensmittelpunkt in Worpswede, der Barkenhoff, wurde zur Begegnungsstätte der Künstler vor Ort. Auch Heinrich geht freiwillig in den ersten Weltkrieg. Verändert kehrt er zurück. Er lebt für den Frieden, engagiert sich für den Sozialismus, reist regelmäßig nach Moskau und muss 1931 aus seiner Heimat fliehen. In der Sowjetunion bekämpft er den Nationalsozialismus. Nach dem Überfall der Deutschen wird er nach Kasachstan deportiert. Er stirbt arm, krank und allein.

 

Coaching – für Herz und Verstand, M.L.

 

Energie und Inspiration – Coaching in Worpswede

Die Landschaft der Moore, der kleine Ort und die Möglichkeit, sich an verschiedenen Stellen mit künstlerischen Arbeiten zu befassen sind Quellen für Inspirationen. Es ist eine wunderbare Umgebung, um sich mit eigenen Anliegen zu befassen. So biete ich Ihnen an, Coachings zu buchen, die in Worpswede stattfinden. Wir können Gespräche in einem Atelier, in einem kleinen Museum und auch beim Spaziergang  durch die Moore führen.

Sie spüren, dass Sie Lust darauf haben? Sie möchten etwas für sich tun? Das klingt gut und Sie freuen sich schon darauf?

Es ist nur ein Klick, um Kontakt aufzunehmen. Wir sprechen miteinander und entwickeln das Programm für Sie individuell.

Wir nutzen die Gelegenheit einerseits Bilder zu betrachten, die im Museum an der Wand hängen und andererseits die Möglichkeit, in der Landschaft, in der diese Arbeiten entstanden sind, unterwegs zu sein.

Wie beeindruckend, wenn man neue Perspektiven entdeckt, Detail in den Fokus setzen kann, die neu sind.

Kann der Blick auf die Kunstwerke unsere Wahrnehmung der Natur schärfen? Kann eine Tasse Kaffee zum Beispiel im Atelier oder Wohnhaus von Heinrich Vogeler helfen, die Vielschichtigkeit einer Persönlichkeit tiefer zu verstehen?

Ausprobieren, mitmachen, neue Menschen kennenlernen und Raum haben für sich allein.

Museum Sinclair-Haus in Bad Homburg

14. August 2021

Max Reichmann, Das Blumenwunder, 1926 (Still) © absolut Medien GmbH

Museum Sinclair-Haus in Bad Homburg

Bad Homburg, ein kleiner Ort in der Nähe von Frankfurt, eine Villa aus dem 18. Jahrhundert, Leerstand, Engagement und Geld, eine Stiftung, großartige Ideen, eine wissenschaftliche Leiterin und MitarbeiterInnen mit Esprit: das ist das Sinclair Haus! Jetzt die Stiftung Kunst und Natur.

Begleitbuch: Was ist Natur? © Museum Sinclair-Haus, Stiftung Kunst und Natur, 2020 Etwas herausfordernd ist es schon: wir brauchen alle Sinne, die Bereitschaft, sich „wegzuträumen“ und etwas Nachdenklichkeit. Zunächst hören wir hier hinein und erleben, wie Kunst und Natur zusammen KLINGEN.

ORIOM NebelhornOriom – Klänge vom Nebelhorn – fantastisch

Was für ein Klang, eine Tragweite, ein Blick! Nachklingen lassen.

# kunstausbruch

Unter #kunstausbruch begegnen wir Künstlerinnen und Künstlern aus Literatur, Theater, Musik und bildender Kunst, die uns digital zu Neuem einladen. Herausfordernd, provozierend, begeisternd, enttäuschend, traurig oder motivierend bieten Sie uns Gelegenheiten, unseren Alltag mit Highlights zu versehen. Eine Projektreihe des Museums im April 2021, die vielen KünstlerInnen die Türen zu uns, den BesucherInnen und HörerInnen offen gehalten hat.

Das Projekt ist auch eine Initiative der Stiftung Kunst und Natur. Hier gibt es noch viel zu entdecken: Kunst und Künstler*innen befinden sich im Lockdown. Während sie gleichsam eingesperrt sind, ist das Publikum ausgesperrt. Es steht vor verschlossenen Museums-, Galerie- und Theatertüren. Die Menschen sind draußen und kommen nicht rein – die Kunst ist drinnen und kommt nicht raus.

Unter dem Hashtag #kunstausbruch dokumentieren und teilen KünstlerInnen wie Rezipienten ihr Kunstgeschehen auf Instagram, Facebook, Youtube und unter www.kunst-und-natur.de/kunstausbruch.

Elsternest in der Ausstellung “Was ist Natur?” © Museum Sinclair-Haus, Foto: Anja Jahn

Ausstellung „Was ist Natur?“

Worüber nachzudenken lohnt…. In der Kunst war und ist die Natur oft ein Gegenstand, ein Objekt, ein Motiv. Sie wird uns, den Betrachtenden, gezeigt: wir schauen uns einen gemalten Sonnenaufgang an.

Kunst und Natur in dieser Ausstellung zeigt uns, wie eng der Mensch ein Teil der Natur ist. Wir schauen nicht auf die Natur, sondern verstehen, wie eng wir ein Teil der Natur sind. Das Verhältnis Mensch – Natur muss immer wieder neu gedacht werden. Der Mensch ist in der Natur zu denken. Und die Kunst?

Es ist eine Ausstellung über Verbindungen und Beziehungen. Zum Beispiel: Raum 1 ist leer und weiß. Auf dem Boden liegen schwarze Diffusoren, die blinken und Duftmoleküle freigeben. Es riecht nach Wald. Wald, der nach dem Regen duftet, so wie es uns vertraut ist. Wir nehmen molekulare Kommunikation wahr. Wir riechen Geosmin, von Bakterien gebildet. Die Arbeit ist von der Künstlerin und Chemikerin Sissel Tolas D_Earth entwickelt. Dieser Duftstoff, der im Waldboden nach Regen freigesetzt wird, lockt die Springschwänze (kleine Sechsfüßer von 0,1-17mm Länge, schon sehr klein!), sie verbreiten die Sporen der Bakterien.
Ein Projekt, das Forschung und Kunst verbindet. Wir Menschen wollen die Zusammenhänge der Welt verstehen. Um uns herum passiert viel, oft ahnen wir nichts davon.

 

Springschwänze am Start

Wie weit kann ein Springschwanz springen? 25 cm!

Sissel Tolaas, D_Earth, 2020, Installation (Sensoren, Duftmoleküle) © Michael Habes

Schon mal gehört? Wir laufen durch den Wald, sind Teil dieser so verwobenen Natur und ahnen noch nicht einmal, wieviel Kommunikation um uns herum stattfindet. In diesem Raum wird es isoliert, verfremdet und schon sind wir irritiert.

Kunst ver_rückt alte Ansichten.

Blumenwunder

Max Reichmann, Das Blumenwunder, 1926 (Still) © absolut Medien GmbH

Oder ein kleiner Film aus dem Jahr 1926. Das Blumenwunder – die Bewegungen der Pflanzen während ihres Wachsens werden erstmals für uns Menschen sichtbar. Mit Filmmaterialien der Firma BASF im Rahmen von Werbung aufgenommen, im Zeitraffer gezeigt und von tanzenden Menschen nacherlebt.

Literatur, Musik, Fotografien und Installationen: Kunst und Natur bietet viele Zugänge, Kommunikation und Beziehungen in der Natur zu bemerken. In der Natur bedeutet mit uns Menschen und auch um uns Menschen herum. Wir bekommen noch lange nicht alles mit.

 

 

Bertram Kober, Carrara Nr. 01, 2005 © Foto: Bertram Kober

Carrara – Natur – Stein

Man will nicht glauben, dass der Steinabbau in den letzten Jahren um ein Vielfaches zugenommen hat. Als Marmor für die Bildhauer des 16. Jahrhunderts geholt wurde, war es wenig.

Urs Wyss, Geheimnisvoller Mikrokosmos im Lindenbaum, 2019 (Still) © Urs Wyss, Foto: Michael Habes

 

 

 

Und Sie?

Was denken Sie? Welcher #kunstausbruch hat Sie irritiert, zum Lachen oder Weinen gebracht?

Teilen Sie den Beitrag, schreiben Sie Ihre Gedanken. Was ist Natur? lohnte einen Besuch in Bad Homburg. Es lohnt aber auch ein virtueller Besuch. In meiner Reihe „Kleine Museen ZUHAUSE“ habe ich das Haus, die Ausstellung und Projekte vorgestellt und mit Frau Meyer, der Leiterin des Hauses und Kuratorin gesprochen.
Die Ausstellung ging bis zum 22.8.21.

Melden Sie sich zu den nächsten interaktiven Museumsbesuchen ZUHAUSE bei mir an: Kleine Museen Zuhause – online

Auch interessant:

Dawn Chorus

Dawn Chorus ist ein besonderes Mitmachprojekt. Auf der Homepage heißt es: Vögel gelten als wichtige Indikatoren für Veränderungen in verschiedenen Lebensräumen. Während des berühmten Morgenkonzerts sind viele Vögel gesanglich höchst aktiv. Das Projekt DAWN CHORUS 2020 nutzte die ungewöhnliche Stille des ersten Lockdowns und motivierte Menschen auf der ganzen Welt, frühmorgens den Vögeln in ihrem nahen Umfeld zu lauschen. Mehr als 4.000 Vogelstimmen aus 50 Ländern wurden seitdem in eine digitalen globalen Soundmap hochgeladen, auf der die vielzähligen Vogelstimmen aus aller Welt entdeckt werden können: Zum Vogel-Chor auf dawn-chorus.org.